Sektor X

Poetry im Cockpit (Fliegende Wörter), 11.12.2012, Platz 7:

Sektor X

Wir haben es jetzt geschafft,
wir sind der Abschaum der Gesellschaft.
Allseits gehasst und verflucht, bewaffnet und gefährlich,
von Interpol gesucht, aber eigentlich bloß ehrlich.
Auf der Liste der Staatsfeinde stehen wir ganz oben
denn der Staat war uns schon zu lange zu verlogen.
„Früher war alles besser“ sagte man schon immer,
aber heute ist es leider wirklich schlimmer.
Die Welt ist jetzt wörtlich ein düsterer Ort,
meilenweit findet man keinen grünen Hort.
Die Megacitys bestehen aus Stahl und Glas,
alles zugepflastert, nicht mal noch Gras.
Wir haben neunzig Prozent aller Pflanzen verloren,
der Sauerstoff kommt aus Generatoren.
Die Menschheit lebt, doch wie die Reste der Vegetation
vegetiert sie dahin wie Israel in Babylon.
In den letzten Jahrzehnten wurde Geistlosigkeit von oben verordnet,
die Gesellschaft von den oberen Zehntausend neu geordnet:
Menschliches Vieh, das arbeitet und konsumiert,
Abweichungen davon werden observiert,
über die neuen Medien das Denken infiltriert
und nach Möglichkeit gleich neu programmiert.
Auf Drängen der Wirtschaft
wurde die Sprache vereinfacht,
Grammatik größtenteils abgeschafft,
alles auf einen Stand gebracht.
Wir sollten so sprechen, dass die Maschinen uns verstehen;
wer das nicht täte, würde auf dem Arbeitsmarkt untergehen.
Voll Angst gewöhnte man es sich an mit der Zeit,
alles im Namen der Wettbewerbsfähigkeit.
Was kaum einer merkte, sie zerstörten dabei
mit ihrer Sprache auch ihre Denkfähigkeit.
Und wenn das Volk endgültig nicht mehr denkt,
ist die feindliche Übernahme der Demokratie geschenkt.
Korrupte Politiker verkauften die letzte Bastion
der Freiheit für einen Posten mit dicker Pension.
Dieses Großgrundstück nannten sie mal BRD,
heute nur noch bekannt als die Deutschland AG!
Und genauso sieht es aus in jedem Land:
Die Regierung ist jetzt quasi der Vorstand,
das Parlament allenfalls der Aufsichtsrat,
der Bürger froh, wenn er ein paar Aktien hat.
Nur ein paar weigern sich, das Hirn auszuschalten,
unsere Wut brodelt hoch wie Naturgewalten.
Um unsere Freiheit betrogen,
entlädt sich unser Zorn in Wogen.
Da das der Regierung nicht gefällt,
werden wir als Verbrecher dargestellt.
Als Medienpiraten verbreiten wir Schmähschriften,
man erklärt uns dafür zu Terroristen.
Man hängt uns Morde an, die wir nicht begangen haben,
Zeugen sahen uns an Orten, an die wir nicht gegangen waren.
Wir tauchten unter bei Verwandten,
später bei Sympathisanten,
wo wir für den nächsten Anschlag üben.
Millionen Flugblätter, und wir verüben
Guerillaaktionen in allen Regionen,
die Polizei sucht uns mit ganzen Legionen,
über allen Straßen Überwachungsdrohnen
doch ihre Versuche werden sich nicht lohnen…

Wir suchen Unterschlupf im Untergrund,
denn unsre Steckbriefe sind bekannt wie ‘n bunter Hund,
oben alles grau, doch in Sektor X sind alle munter und
die ganze Gesellschaft dort ist noch so kunterbunt.

Der Boden wird uns hier zu heiß,
bald haben sie uns eingekreist.
Wir müssen eine Weile dort leben,
wo keine Bürger Hinweise geben.
Und so suchen wir nach einem Ort zum Wohnen
im Brackwasser der Kanalisation.
Streifen umher, unter den Straßen der Stadt,
wo sie vergrabene Nerven und Adern hat.
Als die ersten sagten „Leute, das wird nix!“
hörten wir von einem Ort namens Sektor X.
Ein vergessener Bereich, verzeichnet auf keinen Karten,
dort sollten uns Menschen, die wie wir sind, erwarten.
Und so suchen wir den Weg, um nicht auf der Flucht zu enden,
folgen scheinbar sinnlosen Graffiti an den Tunnelwänden.
Und finden schließlich Sektor X, bewohnt von Rebellen,
Unzufriedenen, Kreativen, Intellektuellen.
Wir werden willkommen geheißen von der bunten Schar,
aber drei wichtige Regeln macht man uns sofort klar:
Niemand spricht über Sektor X!
Niemand spricht über Sektor X!
Und…Wer neu ist, muss was vortragen!
Jede Woche trainieren wir für die Revolution,
die Zerschlagung der herrschenden Institution.
Die Computerfreaks programmieren an einem Virus,
der bringt die Infrastruktur des Vorstands zum Exitus.
Wir anderen indessen trainieren das Schreiben
mit Texten, die wir uns im Wettbewerb zeigen.
Sie nennen es „Poetry Slam“, nach einer vergessenen Kunstform.
Der Vergleich mit den anderen ist für jeden täglicher Ansporn.
Und wenn wir eines Tages die Korpokratie angreifen,
werden wir diejenigen sein, die nach dem Mikrophon greifen.
Es ist noch nicht zu spät, mit etwas Glück
fangen wir an, bringen der Menschheit die Sprache zurück.
Die Bosse sagen, wir bedrohen die Menschheit,
doch wir bedrohen nur ihre Dummheit.
Oben sucht man weiter nach uns Störenfrieden,
doch sie werden uns so bald nicht kriegen…

Wir suchen Unterschlupf im Untergrund,
denn unsre Steckbriefe sind bekannt wie ‘n bunter Hund,
oben alles grau, doch in Sektor X sind alle munter und
die ganze Gesellschaft dort ist noch so kunterbunt.

12.12.12 11:26

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