Wie ich zum Poetry Slam kam

Poetry im Pastis, 21.09.2012, Platz 4:


Wie ich zum Poetry Slam kam (Kunst ist besser als Realität)


Ich denke mir, mit Tinnitus vom Goldstein heimgekehrt:
Dieses Soundgarden wars Eintrittsgeld so richtig wert.
Ist ja nie verkehrt, die Rockbands sind immer gut drauf,
doch bei den Textakrobaten ging mir das Herz auf,
Ich war als Freizeitdichter und Rapmusik-Fan
begeistert von We Save Hip-Hop und dem Poetry Slam!
Davon hab ich jetzt schon einige von unten gesehen,
eigentlich könnte ich selber mal auf der Bühne stehen.
Schließlich lebe ich im Land der Dichter und Denker,
von Berufs wegen reparier ich aber mehr Lichter und Lenker.
Aber - „Luca der Slampoet“, das hört sich doch gut an,
also mix ich’n White Russian und trinke mir Mut an,
dann geh ich zu Elisas Wohnung und klopf an,
und sag‘ „Hier, ich bin der neue E.T.A. Hoffmann!“.
Darauf sagt sie mir: „Ey, ey, ey, mach erst mal stopp, Mann!
Du hast voll die Fahne, und Finger weg von meinem Rock, Mann!“
„‘Tschuldige, aber ich musste dich jetzt noch sehen.“
„Willst mir den Wachturm von letzter Woche andrehen?“
„Neeeiiiinnnn….Ich will noch auf euern Slam, um jetzt richtig durchzustarten!“
„In dem Zustand? Vielleicht solltest du bis zum nächsten warten!
Ich hör schon das Publikum uns fragen:
Wen habt ihr da bitte eingeladen?“
Darauf ruf‘ ich: „In drei Teufels Namen!
Du bist wie Decca Records, als die Beatles kamen!
Ich weiß, Kopfrechnen ist nicht deine Stärke,
aber ich glaub, die Jury gibt mir hohe Werte.
Du weißt nicht, was deiner Veranstaltung entgeht,
vielleicht weil du nicht weißt, wer hier vor dir steht!“
„Woher auch,“, fragt sie, „du hast dich nicht vorgestellt.
Irgendein Typ, der den Fuß in meine Tür rein hält,
dabei weniger auf der Matte steht und eher fällt,
zusammengefasst: nicht gerade ein Mann von Welt!“
„Man nennt mich Speedy, sie meinen es ironisch,
ich war erst verärgert, doch find es jetzt urkomisch,
mach den Spitznamen zum Künstlernamen…wie…
Ich bin der neue Gangsta, muthafuckin‘ Speedy „G“! – aus Bäääd Nauheim! –
Aber – pass‘ auf – denn noch viel wichtiger –
ist der andere Name, ich mein, mein richtiger.
Ich heiße Luca Del Nero, siehst du, meiner
ist ein italienischer Name, so wie deiner.
Wir sind quasi Verbündete und müssen zusammenhalten,
wart’s ab, ich werd‘ den ein oder andern zusammenfalten.
Le mie poesie entusiasmeranno la gente,
ma prima voglio catturare la tua mente.
Ich hab jetzt schon seit vier Jahren das Reimen geübt,
bin jetzt besser als Heinrich Hesse, oder wie heißt der Typ?
Schreib mich einfach ins Lineup und ich lass dich in Ruhe,
wenn du nicht willst, dann…kotz ich dir auf die Schuhe!
Und schreib obszöne Limericks an die Tür deiner Wohnung,
mit falscher Grammatik, und noch schlechter Betonung!“
Sie sagt: „Jaja, aber hauch‘ mich bitte nicht an!
Mach halblang – und lehn‘ dich da bitte nicht dran…“
"Was...NNNNNNEEEEEEEIIIIIINNNNNN!"
Die Wand ist frisch gestrichen – Alpina an meiner Hose –
ich taumel‘ weg, halt mich fest, doch das Geländer ist lose.
Ich reiß‘ es mit runter, fang‘ mit dem Kopf noch die Dose
mit der restlichen Farbe und bin jetzt voll mit der Soße.
Ich blicke hoch und seh‘ ihr lachendes Gesicht,
kurz bevor das Licht im Treppenhaus erlischt.
„Ich gebe zu, du hast komisches Potenzial!“,
ruft sie mir zu, „okay, probier’n wir’s mal!
Freitag wirst du auf der Bühne stehen oder fallen,
mach dich beliebt, oder lächerlich vor allen!“

Und so trete ich Freitags beim Slam auf,

finde im Pastis den Putz und hau drauf,
präsentier mich hier, und reiß das Maul auf,
wie AIDA will ich vor der Bühne nen Auflauf.
Rede und gestikuliere wie ein Primat,
der in der Klapse dichtet und niemals nie sagt.
Das ist es, mein Auftritt, die Erste,
Reibeisenstimme und meine Verse,
alle extra für heute erdacht,
hoffe, es hat Eindruck gemacht.

Und jetzt kommt noch der Epilog:
Am nächsten Morgen bin ich noch etwas benommen,

euphorisch, als hätte ich gestern gewonnen,
schnell aus Nachbars Briefkasten die Wetterauer genommen,
und sieh da, ich bin tatsächlich in die Zeitung gekommen!
Im Lokalteil für Friedberg, ist zwar nicht namentlich,
aber ich denk, in den zwei Zeilen meinen sie mich…
…In der Friedberger Haagstraße wurde Freitag Abend die Tür eines parkenden Volvo vermutlich von einem Fahrradlenker beschädigt. Der Verursacher beging Fahrerflucht. Sachdienliche Hinweise bitte an die Polizeidienststelle Friedberg…phhh!

22.9.12 14:46

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