TOTENKLAGE

Es gibt nicht einmal ein Grab für dich, also steh ich
an diesem Platz voller Erinnerungen und seh dich
wieder vor mir stehen vor all den Jahren
durch das Dorf den Kinderwagen fahren.
Gibt es eine Trauerfeier, bin ich nicht eingeladen,
aber es gibt keine, ich müsste es ihnen sagen,
niemand weiß es, außer mir, und ich
sag ihnen nicht, dass du gestorben bist.
Mit feuchten Augen und der Hand zur Faust
geballt, steh ich hier und lass es raus.
Warum? Was hab ich getan, dass
du mich nicht mehr gekannt hast?
Jahrelang fragte ich mich, wie es dir ginge,
ob du glücklich seist, solche Dinge.
Dachte mir, was alles sein könnte, und
ich wüsste nicht was, wie oder den Grund.
Ich wollte nur noch einmal mit dir reden
und so schrieb ich dir dann doch eben
einen Brief, voller irriger Hoffnung,
nach der Zeit sei alles in Ordnung.
Doch er kam zurück, drauf stand in Rot
die Empfängerin sei leider tot.
Ich schrie zum Himmel, Ungerechtigkeit!
Die letzte Erinnerung also ein Streit?
Die letzten Worte auf ewig die letzten bleiben,
die wir füreinander hatten, weil wir beiden
uns seitdem nicht sahen noch hören
konnten, ich wollt dich nie stören,
Zeit die Wunden heilen lassen,
dafür kann ich es jetzt nicht fassen.
Das war’s? Niemals noch die Gelegenheit
rational zu reden, nach all dieser Zeit?
War ich so ein schlechter Partner,
nichts weiter mehr verdient zu haben?
Stehengelassen mit all den Fragen,
und ein Dutzend Steine im Magen.
Daran jetzt für immer zu tragen,
niemals mehr konnt‘ ich dir sagen,
was ich später, rationaler, dachte,
wie ich dich noch immer achte,
mit meinem bleibenden Rest von Ehre.
Dass Freundschaft besser gewesen wäre,
als Beziehung, hätte ich es doch
früher gesehen, anstatt es noch
unbedingt zu versuchen, ich war verpeilt,
„Zu verschieden!“, lautete das Urteil.
Und so hatten wir die Zeit verpasst,
die Chance auf Freundschaft verpasst,
und waren statt Freunden nicht mal mehr Bekannte,
sprachen kein Wort mehr, es war eine Schande,
und jetzt ist es zu spät dafür,
Kerzen und Blumen vor deiner Tür.
Letzte Nacht hat nebenan ein Hund gebellt,
da hab ich einen letzten Gruß dazugestellt,
verborgen in der Dunkelheit,
vermied so potenziellen Streit,
mit Angehörigen und Freunden,
die konnten mich noch nie leiden.
Würden sie mich finden, jagten sie mich wohl fort,
nur eine dürfte mich sehen, hier an diesem Ort,
was nie sein wird, ich finde das nicht fair,
doch deine Augen öffnen sich nun nie mehr…

 

(Ähnlichkeiten mit realen Personen sind möglicherweise beabsichtigt)

16.3.12 16:30

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