These: Subjektive Wahrnehmung bei der Angst vor Eisenbahnzügen am Beispiel eines Vergleichs zwischen

Nur wenige Menschen können mit Ehrlichkeit von sich behaupten, dass in Benutzung befindliche Eisenbahnschienen - im Besonderen, Schienen, auf denen gerade ein Zug durchfährt - ihnen nicht zumindest ein mulmiges Gefühl verursachen.

Mich aber hat eine besondere Frage umgetrieben. Warum machen Güterzüge auf Durchfahrt dem durchschnittlichen Betrachter mehr Angst als ICEs - obwohl ICEs eindeutig schneller sind?

 

Der Grund liegt in der unterschiedlichen Wahrnehmung dieser Zugarten durch den durchschnittlichen Betrachter. Während sich der ICE in mehr oder weniger strahlendem Weiß präsentiert, kommen die Güterwaggons dunkel und aus offensichtlich nicht besonders fein bearbeitetem Stahl daher. Desweiteren sind die Waggons viel größer, als die des ICE. Da sie desweiteren auch weder auf Geschwindigkeit, noch auf Reisekomfort ausgelegt wurden, sondern darauf, möglichst viel Platz für Fracht zu bieten, haben die Güterwaggons keinerlei aerodynamische - ansprechende, elegante - Form, und ihr höherer Luftwiderstand erzeugt in der Folge lautere Geräusche und einen viel stärkeren Luftzug. Und wer hat noch nicht bemerkt, wie beunruhigend der Luftzug ist, wenn ein Zug ungebremst durch den Bahnhof rauscht? Er zieht und zerrt an der Kleidung des Reisenden, als wolle er ihn in sein Verderben unter den stählernen Rädern reißen.

Apropos Zugdurchfahrt im Bahnhof. Ein weiterer, extrem wichtiger Punkt, ist folgender: Der durchschnittliche Bahnreisende geht an Bahnhöfen normalerweise nicht an Gleisen vorbei, auf denen Güterzüge stehen (denn Fracht wird nicht bei den Passagieren abgefertigt). Dagegen sieht Otto Normalreisender, auch wenn er sich die Fahrkarte nicht leisten kann, an jedem größeren Bahnhof auch ICEs stehen. Er sieht also, dass der ICE bei all seiner Schnelligkeit, all seiner Urgewalt, gebändigt werden kann, und wie ein gezähmtes, kräftiges Pferd im Geschirr einer Kutsche geduldig am Bahnsteg wartet, bis die Fahrgäste eingestiegen sind. Und sind sie eingestiegen, sieht man durch die Fesnter ein hell erleuchtetes Inneres, gemütliche Sitze und zufriedene Fahrgäste, vielleicht zwei ältere Herren im Gespräch, vielleicht ein Ehepaar, deren Kinder gespannt aus dem Fenster sehen, und vielleicht gerade fragen, wann es denn endlich losginge. Der Güterzug hat nichts Einladendes, denn Güter benötigen so etwas nicht, und so wälzt er sich Tag und Nacht voran ohne zu halten, wo "normale" Menschen das sehen würden, Dutzende, hunderte Tonnen unaufhaltsamer Masse, und dies auch noch mehrfach so lang, wie ein ICE. Steht man neben einem Gleis, auf dem ein Güterzug durchfährt, sieht man für eine beängstigend lange Zeit weder seinen Anfang, noch sein Ende, nur rollenden Stahl.

 

Gegenübergestellt - der ICE ist hell, der Güterzug dunkel, der ICE einladend, der Güterzug stumm und abweisend, der ICE lässt sich, zumindest in größeren Bahnhöfen, zum Halten bewegen, der Güterzug fährt unaufhaltsam weiter und nimmt keine Notiz vom Menschen, der ICE hat Lebewesen in sich, der Güterzug nur tote Fracht, der ICE ist elegant, der Güterzug klotzig, der ICE ist ein Symbol modernen Reisens, der Güterzug höchstens der Wirtschaft, vor dem ICE hat man Respekt, aber vor dem Güterzug Angst!

 

Wenn man sich all diese Punkte klar vor Augen führt, fragt man sich, wie man jemals auf die Idee kommen konnte, der ICE könne irgenjemandem mehr Angst verursachen, bloß weil er schneller ist. Der ICE will uns nichts Böses, im Gegenteil, er fährt schneller, um die Reisenden schneller an ihr Ziel zu bringen. Der Güterzug dagegen ist eine gefühllose Maschine und würde nicht einmal anhalten, wenn er gerade den Teddybär Ihres weinenden Kindes unter seinen Tonnen tragenden, stählernden Rädern zermalmte. Ein Symbol für die übermächtige, autonome Maschine an sich!

Denken Sie daran, wenn Sie das nächste mal am Bahngleis stehen, und ein Zug durchfährt.

14.12.10 23:47

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