EYNS:

So, also, ich beginne mit einem Text, den ich im Auftrag eines mir verhassten, hier nicht näher genannten Deutschlehrers schreiben sollte. Aufgabenstellung: "Vor einem Reisebüro finden Sie eine Brieftasche mit 10.000,- €, und im Schaufenster des Reisebüros sehen Sie ein Last-Minute-Angebot für Ihr Traumziel. Reisen oder nicht Reisen?" Es war nicht vorgeschrieben aus wessen Sicht man es schreiben sollte, also habe ich die Perspektive einer unbeteiligten Kaffeetasse genommen. Lest und seht selbst:

 

 

Die Kaffeetasse gähnte herzhaft. Fast hätte sie dabei etwas Kaffee auf den Tisch des Reisebüros verschüttet. Der Angestellte runzelte die Stirn und wandte sich dann wieder seinem Pornoheft zu. Natürlich wusste er nicht, dass er beobachtet wurde. Es war ohnehin recht langweilig ihn zu beobachten. Menschen waren immer so berechenbar. Die Kaffeetasse seufzte unhörbar. Seit vier Uhr vierunddreißig stand sie hier auf dem Tisch. Also seit genau zwei Stunden und zehn Minuten. Der Kaffe war schon lange kalt, noch ein Stück mehr, und er würde gefrieren. Als die Kaffeetasse gerade ausrechnen wollte, wie lange das Fenster an einem meteorologisch durchschnittlichen Novembernachmittag offen sein musste, um den Kaffee gefrieren zu lassen, betrat jemand das Reisebüro.

Ein schüchterner Mann Anfang zwanzig mit einer dicken Ausbeulung in der hinteren Hosentasche drückte sich verlegen durch den Eingang. „Entschuldigen Sie...“, begann er.

„Was kann ich für Sie tun?“, sagte der Angestellte seinen Spruch auf.

„Ja, ich...ich interessiere mich für, äh, dieses Last-Minute-Ticket, nach, äh, Johannesburg.“

„Mmh. Johannesburg?“

„Äh, ja. Wissen Sie, eigentlich wollte ich ja gar nicht fliegen, aber...“

„Mmh?“

„Also, eigentlich fehlt mir ja, äh, das Geld, aber da hab’ ich eben...“, erzählte der Kunde, und zerrte dabei an dem Gegenstand in seiner Hosentasche. Schließlich brachte er ein dickes Portemonnaie zum Vorschein. „Also, äh, so gerade vor Ihrem Reisebüro, also ich meine natürlich, äh, das Reisebüro, in dem Sie arbeiten, hab’ ich diese Brieftasche gefunden...“

„Und, war was drin?“, fragte der Angestellte, die Hand jetzt auf der Computermaus. Eigentlich ein niedlicher Einfall der Menschen, dieses Gerät „Maus“ zu nennen, dachte die Kaffeetasse. Schade nur, dass die neumodischen Mäuse alle kupierte Schwänze haben.

Der Kunde klappte das Portemonnaie auf, und zeigte einen Haufen Geldscheine vor. Dazu sagte er: „Also, wissen Sie, äh, da waren fast 10.000,- € drin. Und, äh, ich hab’ dann halt so überlegt, soll ich das aufs Fundbüro bringen oder nicht, als ich, äh, dieses Angebot bei Ihnen gesehen hab’.“

„Und da haben Sie sich entschieden, das Geld lieber vernünftig anzulegen?“ Natürlich fand der Angestellte alles vernünftiger, was seinem Reisebüro mehr Geld einbrachte.

„Äh, ja, sehen Sie, ich, äh, dachte mir halt, äh...was schauen Sie da?“

Der Angestellte hatte etwas in dem Portemonnaie entdeckt. „Zeigen Sie mal bitte dieses Foto.“

„Äh, ja, hübsche Frau nicht wahr? Also, wer so eine Frau hat, hat sicher genug, äh, Geld, um den Verlust dieser Brieftasche zu verschmerzen.“

Die Augen des Angestellten weiteten sich. „Das ist die Ehefrau meines Chefs!“

„Ihr Chef?“

„Er hat das Ding sicher verloren, als er heute Mittag hier raus ist. Mein Gott, er wird denken, ich hätte es geklaut. Geben Sie mir das Portemonnaie!“

Amüsiert beobachtete die Kaffeetasse das Drama. Der Kunde schien nicht die Absicht zu haben, das Portemonnaie zurückzugeben. So ein Trottel – glaubte er im Ernst, jemand würde ihm glauben, dass er den Ausweis des Besitzers übersehen hatte? Anfänger, dachte die Kaffeetasse, und musste beinahe laut loslachen, als der Angestellte über den Tisch sprang, um den flüchtenden unehrlichen Finder aufzuhalten. So eine sportliche Leistung hätte sie diesem Lethargisten gar nicht zugetraut.

Als die beiden auf offener Straße eine Schlägerei begannen, wünschte die Kaffeetasse alle Unauffälligkeit zum Teufel, und applaudierte, indem sie mit ihrem Löffel klapperte. Schließlich siegte der Angestellte. Ob er wohl heimlich trainierte? Interessant. Die Kaffeetasse beobachtete, wie er mit einem blauen Auge in das Reisebüro zurückkehrte, und sich zwei Hunderter einsteckte. Schade, dass sie zu groß war, um dem Chef eine Botschaft auf dem Computer zu hinterlassen. Die Menschen sollten endlich mal größere Tastaturen erfinden, dachte sie. Das war es dann wohl. Ich habe das große Los gezogen. Die eins-zu-einer-Million-Chance, dass etwas passiert. Schon irgendwie Wahnsinn. Nur würden die nächsten Wochen mit doppelter Langeweile zurückschlagen, zum Ausgleich.

Bei diesem Gedanken musste die Kaffeetasse erst einmal herzhaft gähnen. Sie war nämlich nicht nur eine schadenfrohe, sondern auch eine etwas pessimistische Kaffeetasse.

ZWEY:

Das hier ist mir eines Morgens so eingefallen (das Thema ist typisch Rollenspieler...): Was treiben all die schwarzen Hexenmeister und ihre Viecher eigentlich, wenn gerade kein Held da ist, um sie zu besiegen? Um ehrlich zu sein, mir gefällt es nicht besonders gut, aber irgendwie muss man ja üben.

Dramatis Personae:

Dr. Galerus, Schwarzmagier

Abbak, ein Kobold

Szene: irgendein Raum irgendwelcher Katakomben, Regale voller obskurer Gegenstände, Kräuter, Schriftrollen, Schädel, eingelegte Tierteile etc.

Dr. Galerus steht an seinem Pult und studiert ein Buch. Nachdem er das eine Weile getan hat und gerade umblättert, hechelt Abbak zur Türe hinein.

Abbak. Meister, Meister, da kommt wieder einer!

Galerus(sieht auf). Ein mutiger Abenteurer?

Abbak. Ich denke doch. Er ist mit Schild und Schwert gerüstet.

Galerus. Hat er den Eingang schon entdeckt?

Abbak. Nein, er läuft planlos da draußen herum, und hätte mich auch nicht entdeckt, wenn ich mich als Stein getarnt hätte.

Galerus. Dann erwarte ich mir nichts. Den werden wir im Nu los sein. Es lohnt sich nicht einmal, die Golems zu wecken.

Pause

Abbak. Könnten wir ihn nicht hereinlocken?

Galerus. Warum sollte ich die Störenfriede auch noch zu mir rufen?

Soll ich vielleicht noch ein Schild aufstellen: „Hier geht es in die Gewölbe von Doktor Galerus dem Unergründeten“?

Abbak. ...es gibt wenig zu tun, wenn keiner kommt...

Galerus. Wenig zu tun hast du? Da, nimm den Staubwedel, und entstaube meine Schädelsammlung, wenn du das Gefühl hast, heute noch nicht genug gearbeitet zu haben.

Abbak. Das meine ich nicht. Ich meine etwas zu tun, und keine stumpfsinnigen Arbeiten, wie Eure Schädel abstauben, Eure fleischfressenden Pflanzen füttern, Eure eingelegten Tierstücke alphabetisch ordnen, Eure scheußlichen Gemälde verkehrt herum aufhängen und so weiter und so fort.

Galerus. Das bringt es eben mit sich, wenn man als mein Diener arbeitet.

Abbak. Ihr habt mich doch beschworen, mit eurem Pentagramm!

Galerus. Tetragramm, Banause!

Abbak. Wie auch immer! Außerdem hat mir keiner was über die Arbeitsbedingungen gesagt.

Galerus. Wie bitte?

Abbak. Erst dachte ich, Ihr wolltet bloß Gesellschaft...

Galerus. Gesellschaft?

Abbak. Aber dann hab’ ich’s gemerkt...

Pause

Abbak. Ihr seid tagein, tagaus, nicht dass das unter der Erde irgendeine Bedeutung hätte, also, schließt euch in diesen Katakomben ein, studiert eure okkulten Bücher und probt irgendwelche nutzlosen Zauber.

Pause

Abbak. Und deshalb muss ich jetzt, und hier, und heute, einfach diese Frage stellen:

- warum?

Galerus. Warum was?

Abbak. Warum tut Ihr das?

Galerus. Warum ich was...?

Abbak. Warum Ihr Euer nutzlos...äh, euer ganzes Leben in diesem götterverfluchten Verließ zubringt!?

Galerus. Aufsässiger Kobold! Wie kommst du dazu, deinen Herrn und Meister in Frage zu stellen?

Abbak. Herr und Meister, von wegen! Ihr habt mich beschworen und gebunden, in der...wie nennt Ihr diese Zeit noch...in der Antike! – in der Antike hätte man das noch ganz normal „Sklaverei“ genannt, und heute? „Leibeigenschaft“? Und später? „Illegaler Einwanderer bei der Schwarzarbeit“? Würde passen, wohnen tu’ ich hier jedenfalls nicht.

Galerus. Bremse deinen Wortschwall und hüte deine Zunge! Beim Baal Moloch, was ist denn in diesen Kobold gefahren?

Abbak. Ich habe angefangen, über Gott und die Welt nachzudenken.

Galerus. Du bist nicht hier, um über irgendwas nachzudenken! Du bist hier, um für mich die niederen Arbeiten zu übernehmen.

Abbak. Und genau da liegt unsere Meinungsverschiedenheit. Glaubt Ihr denn, wir Kobolde wären völlig verblödet?

Galerus. Ja, allerdings.

Abbak. Aha! – was? – Äh...dann habt Ihr eben falsch gedacht!

Galerus(zieht eine Augenbraue hoch). So?

Abbak. Wir sind hochzivilisiert, bloß hat sich noch keiner von euch Zauberern die Mühe gemacht, das herauszufinden. Wir sind für euch nur billige Arbeitskräfte! Aber damit ist jetzt Schluss! Ich verlange...

Pause

Abbak. Einen Betriebsrat! Und ich gründe eine Gewerkschaft!

Galerus. Rat? Mit wem willst du dich beraten? Mit meinen Skeletten?

Abbak. Oh, ich bin sicher, eure Kristallkugel ist auch nicht gerade erfreut von den Arbeitsbedingungen hier.

Galerus. Und was bezeichnet „Gewerkschaft“?

Abbak. In einer Gewerkschaft organisieren sich alle, die dasselbe arbeiten, und verabreden Streiks und so weiter. Das werdet Ihr allerdings bald selber merken.

Galerus. So?

Abbak. Allerdings. Mit der Kobold-Gewerkschaft ist nicht zu spaßen!

Galerus. Ich glaube, du hast zu lange in der Sonne gelegen.

Abbak. Finde ich nicht. Und als nächstes schreibe ich einen Aufruf wie „Kobolde aller Schwarzmagier, vereinigt euch!“

Galerus. Du bist dem Wahnsinn verfallen, Abbak.

Abbak. Ich fühle mich wohl dabei. Ihr habt meine Frage übrigens noch immer nicht beantwortet!

Galerus. Deine Frage?

Abbak. Ja. Was für einen Sinn hat Eure Tätigkeit? Was Ihr tut, hat keinen Sinn! Zwischendurch ein paar Abenteurer in die Falle laufen zu lassen, ist zwar ganz amüsant, aber was zum Henker macht ihr mit euren Skeletten und düsteren und düstersten Zaubersprüchen?

Galerus. Wer genug Macht ansammelt, kann herrschen. Ich werde dieses ganze Land einnehmen, und...

Abbak. Soweit habe ich’s mir noch denken können. Aber dann? Warum wollen Ihr und Eure Zunftgenossen immer nur irgendein Land oder die ganze Welt erobern? Was habt ihr davon? Macht Ihr’s wegen dem beruhigenden Gefühl, mal so richtig was erobert zu haben? Glaubt Ihr, das hilft Euch mit den Frauen? Wollt Ihr all das Geld haben? Wenn Ihr die Welt erobert habt, braucht Ihr ohnehin kein Geld mehr. Ich versteh’s nicht.

Galerus. Nun...dein Geist ist einfach zu unterentwickelt. Du würdest es gar nicht verstehen.

Abbak. Ist mir auch recht, ich gehe jetzt eine Gewerkschaft gründen.

Galerus. Unterstehe dich, Kobold!

Abbak. Nein, warum? Und danach verfasse ich Kampfschriften, mache Politik und hetze alle versklavten Diener irgendwelcher Beschwörer auf!

Galerus. Da habe ich mir ja ein schönes Ei ins Nest gelegt...Ich glaube...

Abbak. Ja?

Galerus. Ich glaube, dich zurückzuschicken und einen neuen Diener zu beschwören ist der kleinere Umstand. Allerdings...

Abbak. Nein, niemals! Ich will hier bleiben, und zu einer Legende der Kobolde werden!

Galerus. Du bist zu gefährlich. Am Ende hetzt du noch alle Kobolde auf! Mache dich bereit. En-hiro u-larni de ranad!

Abbak wird von einer größer werdenden Rauchwolke inegehüllt

Abbak. Na endlich, ich dachte schon, ich müsste noch eine Kommunistische Partei gründen! Haha! Hat es sich doch gelohnt! Jetzt könnt Ihr irgendeinen anderen beschwören, Ihr Trottel! Haha!

Vorhang.

DREY:

Manche meinen, das Leben ist nur eine Schaltung, und wir haben keinen freien Willen. Als angehender Elektro- und Informationstechniker stelle ich mir das so vor (im Beispiel, die Abläufe meines Betriebssystems, wenn ich aufwache...):

SYSTEM WIRD HOCHGEFAHREN...

AKTIVIERE NERVEN...

AKTIVIERE SINNESORGANE...

LEITE ENERGIE IN MUSKELGEWEBE...

INITIALISIERE BEWUSSTSEINSMATRIX...

LADE SPEICHERBANK LG:...

INITIALISIERE PERSÖNLICHKEITSMATRIX...

SETZE WACHZUSTAND=TRUE...

LADE SPEICHERBANK UKG:...

LADE SPEICHERBANK KG:...

SETZE (QP_AUGENLID1, QP_AUGENLID2)=1

LESE VISUELLE INFORMATION...NICHT AUSREICHEND!

SETZE (QP_AUGENLID1, QP_AUGENLID2)=2

LESE VISUELLE INFORMATION...

VERARBEITE VISUELLE INFORMATION...(UHRZEIT=07:37:51)

WENN (WOCHENTAG NICHT (SAMSTAG, SONNTAG)) UND (UHRZEIT>07:00:00) DANN LADE PROGRAMM „ZU SPÄT“

ANSONSTEN LADE PROGRAMM „WECKZEIT NEU EINSTELLEN“