Exportschlager

Es ist Freitag Nachmittag, endlich Wochenende,
in einer deutschen Stadt verlässt ein Mann das Betriebsgelände,
er ist ein braver Familienvater, ehrlich und fleißig,
Frau, zwei Kinder, Hund, Ende Dreißig.
Er arbeitet am Fließband, war früher im Lager,
er baut hier deutsche Exportschlager.
Später am Tag, ein junger Ingenieur geht heim,
er macht die Firma reich mit seinem ausgefeilten Design,
zur Feier der Lohnerhöhung lädt er seine Freunde ein,
und ein paar leichte Mädchen, denn er schläft nicht gern allein.
Und wenn er dann auf einer liegt, sagt er:
„Weißt du, Baby, ich designe Exportschlager.“
Eine Vertriebsagentin geht so zwei Stunden nach ihm,
nachdem sie’s Geschäft perfekt machte mit Kunden aus Arabien.
sie mag die Typen zwar nicht, aber Geschäft ist Geschäft,
und ihr Gesicht so trainiert, ihr Lächeln wirkt echt.
Als sie heimkommt, öffnet ihr Freund, als erstes fragt er
„Wie sieht’s aus? Wird das Ding ein Exportschlager?“
Der Chef geht als Letzter an jenem Freitag,
er bleibt gern mal länger, weil er diesen Job einfach mag.
Der Finanzvorstand hat ihm heute versichert,
die Dividende für dieses Jahr ist gesichert!
Ihr ahnt es, bevor er sich hinlegt köpft er ein Lager,
und trinkt auf seinen neuen Exportschlager.

Und Charge für Charge geht hinaus in die Welt,
es ist ein Produkt, das Kunden weltweit gefällt.
In einer Stadt, von hier einige tausend Kilometer
bekommt jemand ein Modell von seinem Arbeitgeber.
Dieser mattschwarze Lack, diese ergonomische Form,
dieses elegante Design, Qualität nach deutscher Norm.
Früher gab’s die hier nicht, doch die Regierung
hat das Land geöffnet, ein Hoch auf Globalisierung.
Er und seine Kollegen gehen raus durch die Türen
um ihre neuen Spielzeuge spazieren zu führen.
Halb in die Stadt rein stockt der Verkehr,
und kommt zum Erliegen, kein Auto fährt mehr.
Die Straße blockiert durch eine Demonstration,
bestimmt organisiert von der Opposition.
Er erinnert sich, heute Morgen das Memo,
da hieß es, im Falle einer Demo,
gilt ab sofort null Toleranz,
in dem Moment sein Kommandant
gibt das Signal, er denkt nicht nach und legt an,
drüben sinkt eine junge Frau getroffen zusammen.
Man bringt sie und andere in ein Krankenhaus,
die Ärzte operieren ihr zwei Kugeln heraus,
doch vergebens. Ihre Eltern müssen erfahren:
Ihr Leben endete, nach nicht einmal zwanzig Jahren.
Heute Morgen hatte ihre Mutter gefleht:
„Bitte geh nicht mehr demonstrieren, lies, was hier steht.
Null Toleranz, sie werden schießen, bitte bleib hier.“
Sie sagte: „Mutter, ich muss, wer wenn nicht wir,
soll kämpfen für die Freiheit unseres Volkes?
Wenn wir es schaffen, ist die Gefahr der Preis des Erfolges.“
Jetzt liegt sie kalt auf den weißen Laken,
ihre Mutter gebrochen, keiner beantwortet die Fragen.
In den Armen hält sie der weinende Vater,
sie wurde erschossen mit einem deutschen Exportschlager.

Der Vorfall kommt hier in die Medien, sind ja so weltoffen,
und alle Entscheidungsträger tun ganz furchtbar betroffen.
Aber letztendlich haben wir damit ja nichts zu schaffen,
Deutschland hält sich raus, [crescendo] und verkauft weiter Waffen!
Mir kommt die freche Frage an Angestellte an Magnaten,
wie gut könnt ihr nachts eigentlich noch schlafen?
Das ist nicht euer Problem, nicht wahr?
Hauptsache Geld ist am Monatsersten da.
Und die Politik zieht fröhlich mit,
egal wer jeweils grad am Ruder sitzt.
Wie können die bloß ernst blicken, wenn sie ein Ende der Gewalt fordern,
und kurz drauf abnicken, wenn die Täter weiter Waffen ordern?!
Geld durch Export ist gleich deutsche Arbeitsplätze und Gehalt,
ist gleich deutsche Wählerstimmen ist gleich Machterhalt.
Das ist die chemische Formel für das goldene Kalb,
Wirtschaftswachstum! Der Rest interessiert nicht mal halb.
Geht’s dem DAX gut, geht’s uns gut, nach diesem Motto,
anscheinend reicht das für Normalverbraucher Otto.
Das Gedächtnis der Wähler,
vergisst leicht manchen Fehler,
solange Michel am Wahltag glaubt,
mit der Konjunktur geht es steil bergauf!
Dabei ist diese auch mit Blut erkauft,
nur nicht unsers, deshalb pfeift jeder drauf!
Weltweit wird scharf geschossen mit deutschem Fabrikat,
was macht eigentlich dieser Bundessicherheitsrat?!
Hinter verschlossnen Türen in ihrer geschlossnen Gesellschaft,
hocken sie und prostituieren sich für die Wirtschaft.
Eine Frage wollte ich da grad noch stellen:
Glauben die eigentlich selber, was sie erzählen?
Hier böser Diktator, da guter Diktator,
ein Verbrecher, aber ein verlässlicher Partner.
Ihr Heuchler, ihr wisst genau, was passiert.
Der hochwertige Tod hat alle Grenzen passiert.
Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf: „Homo homini lupus.“
Und einige von unserem Volk, assistieren weiter dem Exitus,
in Kameras winkend, wirken sie so ganz beflissen.
Das geht runter wie Erdöl, ohne Moral und Gewissen.
Dieser Text mag nichts ändern, vielleicht macht er wen aufmerksam,
und ich schließe ihn mit Worten von Paul Celan:
„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“

15.2.14 23:41

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