Ein Schuss im Dunkeln

Dunkel ist’s, der Mond scheint helle,
an einer äußerst provinziellen Stelle.
Dörfer, Wiesen, Wald und Feld
sind eine friedlich schlummernd‘ Welt.
Unter einer funkelnd‘ Sternenpracht
sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht,
und an der Ortsgrenze von Klein-Runkeln
hört man einen Schuss im Dunkeln.

Der brave Bürger aus dem Schlafe schreckt,
im Nu ist das ganze Dorf geweckt.
Am nächsten Morgen in Klein-Runkeln
hört man’s allenthalben munkeln.
Am Stammtisch hört man auf, zu schunkeln,
diskutiert den Schuss im Dunkeln.
Wer schoss? Auf wen? Hat er getroffen?
Oh Gott! Au weh! Alles ist offen!

Es beflügelt Phantasie und Dichtung,
als in der ungefähren Richtung,
aus der besagten Schuss man hörte,
des Bäckermeisters Tochter Dörte
beim Milch holen einen Fleck
von Blut am Weg entdeckt.
Sie hält sich nicht lang bedeckt,
und das Verbrechen scheint perfekt,
als sich im Dorf herume spricht:
"Man findet Opa Köhler nicht!"
Nicht dieser liebenswerte, leicht senile
(mancher würd‘ sagen: grenzdebile),
alt-bekannte Tattergreis,
der ja auch, wie jeder weiß,
viel Geld in der Matratze hortet:
aus Habgier hat man ihn ermordet!
Der geneigte Leser mag sich‘s denken:
Um gerechten Volkeszorn zu lenken,
besorgter Bürger Gesichter sich röten,
ist ein Täter dringend vonnöten.
Wer löste diesen Schuss im Dunkeln?-
Der Piet, mit den hässlichen Furunkeln!
Dieser junge, des Schießens mächt'ge,
unbeliebte, darum höchst verdächt'ge,
zugezog'ne Handwerksg'sell:
Vor Gericht ihn, aber schnell!
An diesem Abend in Klein-Runkeln
der Tratschtanten Augen funkeln:
Der schoss! Auf den! Er hat getroffen!
Oh Gott! Au weh! Man ist betroffen!

Aufs Schafott ihn mit starker Hand;
nein, stellt ihn gleich an die Wand!
…Man braucht nur noch einen Zeugen,
ins Spiel kommt hier der Bauer Eugen,
der in Tatortsnähe wohnt,
weshalb die Befragung lohnt,
was er hörte, was er sah?
War er beim Fall des Schusses nah?
"Jo klar", sagt Eugen, nicht verlegen,
"ich hab‘ den Schuss doch abgegeben.
Auf einen Fuchs, der, wie man sagt,
an meinen Nerven und den Hühnern nagt."
Perplex zieht ab die Bürgerwehr,
da kommt wer auf dem Weg daher:
Opa Köhler! der frisch, fromm, fröhlich, frei
fragt, ob auf dem rechten Weg er sei,
hinunter zu kommen nach Klein-Runkeln,
er fänd' sich so schlecht zurecht im Dunkeln.
Und ihm kam wohl heute beim Lustwandeln
die Orientierung ganz abhanden,
weshalb er sprachlos, ohne Worte,
sich wiederfand im Nachbarorte.

Den Vorfall hält man fortan klein,
die Zeitung stampft Entwürfe ein:
in Klein-Runkeln geht kein Mörder um,
der Pfarrer schreibt die Predigt um.
Nur ein Detail weiß man noch nicht:
Ob der Fuchs noch lebt, der Bösewicht.

Dunkel ist’s, der Mond scheint helle,
an einer äußerst provinziellen Stelle,
will sich auf hochgeklappten Bürgersteigen
auch heut‘ Nacht kein braver Bürger zeigen.
Zum Ausschweifen das Volk stolz zu prüde,
zum Schreien selbst der Kauz zu müde,
fällt an der Ortsgrenze von Klein-Runkeln
vielleicht noch mal ein Schuss im Dunkeln.

6.5.16 14:05

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