Ich weiß nicht

Ich weiß nicht, wer ich bin.
Ich weiß nicht, wer du bist.
Ich weiß nicht, wer wir sind.
Ich weiß nicht, wo hier ist.

Ich weiß nicht, ob ich bin.
Ich weiß nicht, ob du bist.
Ich weiß nicht, ob wir sind.
Ich weiß nicht, ob hier ist.

Ich weiß nicht, ob irgendetwas von dem, was ich glaube, wahrzunehmen, wirklich existiert, oder ich überhaupt glaube, es wahrzunehmen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – das Problem ist, ich weiß nicht, ob es Ihnen geht.

Ich sehe das Blatt Papier an und sehe es als weiß an, aber weiß nicht, ob mein Weiß auch das Weiß irgendeines anderen ist, oder es für ihn nicht Schwarz ist. Ich weiß nicht, ob die Sprache, die ich spreche, sich für irgendeinen anderen Menschen genau so anhört, wie sie sich für mich anhört, oder ob wir den Geschmack von Lebensmitteln tatsächlich als gleich empfinden(zumindest im Falle von Rosenkohl kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass es so sein soll).
Manche halten es für einen Beweis, dass wir gleich wahrnehmen, dass zwei denselben Blauton als beruhigend empfinden, aber es ist kein Beweis, da man nie wirklich die Empfindungen eines anderen kennen kann. Als ob das nicht genug wäre, kann man sich nicht einmal sicher sein, dass der andere wirklich da ist. Ich gebe zu, dass die Welt, die ich erlebe, für eine eingebildete Welt verdammt gut ausgearbeitet, und in sich logisch ist, aber das beweist nichts.
Ist die Welt – inklusive eines eventuellen Schöpfers – schon seit jeher existent, oder ist sie in dem Moment fertig entstanden, als ich sie betreten habe? Hatte Joachim Illies recht, als er sagte: „Schlägt Hirn und Schädel man zu Brei, sind Gott und Welt im Nu vorbei.“?

Ich kann immer nur davon ausgehen, dass alles, was ich glaube wahrzunehmen, tatsächlich ungefähr so existiert, ich kann nur davon ausgehen, dass irgendjemand tatsächlich hört, was ich gerade sage, und sich dazu Gedanken macht; wie ich davon ausgehe, dass wenn ich ausgehe, mein Telefon ausgeht, weil ich es wieder nicht geladen habe; wie ich davon ausgehe, dass wenn ich ausgehe, meine Topfpflanze eingeht, weil ich sie wieder nicht gegossen habe, wie ich davon ausgehe, dass die Lichter ausgehen und die Menschen eingehen, wenn sie nicht endlich aufeinander zugehen, aber wer sagt das schon?

Vielleicht ist alles…anders.

Der Gedanke, dass alles Einbildung ist, ist nicht abzuschütteln, und er treibt mich ab und an in den Wahnsinn wie eine Zwangsjacke, dann werde ich paranoid und wünschte, ich kennte einen Weg, um mich aus unsichtbaren Fesseln zu befreien. Dann wünschte ich, ich könnte mir ein Loch in den Kopf bohren, um die ganze Sache mal unvoreingenommen von außen zu betrachten.

Ich glaube, auf einer Bühne zu stehen und zu rezitieren,
vielleicht bin ich in der Gummizelle am Randalieren,
oder steh im Wald und rede nur zu Tieren,
bin ich gerad am Reden, oder nur Gestikulieren?
Ich halt inne, und frag mich, wann
komm ich je an die Wahrheit ran.
Ist das, was ist, auch das, was kann?
Was ich seh, ich zweifle dran.

Zwei Zweifler waren während des Zwielichts im Zwiespalt zwischen Wahrheit und Wahrnehmung. Der Zwang des Zweckes war zweifellos eine Zwickmühle, die zu wahrhaftigem Wahn führte.

Der Zweifel ist aber nicht nur der Ausgangspunkt, sondern gleichzeitig auch der Rettungsring, an den ich mich klammern kann. Dank Descartes ist eines klar: „Ich denke, also bin ich.“ Ich kann alles anzweifeln. Und ich zweifle alles an. Außer meiner eigenen Existenz, denn ich muss zwangsweise existieren, damit jemand zweifeln kann. Das können Sie auch für sich tun, falls Sie sich Ihrer eigenen Existenz mal nicht ganz sicher sein sollten. Ich kann mir Ihrer Existenz leider nach wie vor nicht sicher sein, aber ich werde in eventueller Interaktion mit Ihnen wohlwollend davon ausgehen.

29.2.16 12:50

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